Emma, das geheimnisvolle HausmädchenEmma, das geheimnisvolle Hausmädchen ist ein parodistischer Kolportageroman von Julius Stinde, der 1904 im Berliner Verlag Freund & Jeckel erschienen ist. HandlungDie Gräfin Smoltopska, die eine geborene Siebenklietsch aus der Berliner Ackerstraße ist, muss auf der Suche nach ihrem Gatten, dem Grafen Smoltopski, in allen Erdteilen die gefährlichsten Abenteuer bestehen, in denen die tückische Frau Roldemolde die Tugend der edlen Emma bedroht, während der edle Herr Nordhäuser diese Bedrohungen zu neutralisieren bestrebt ist. Stinde häuft Unwahrscheinlichkeiten und Monstrositäten, grässliche Mordgeschichten und gröbliche Verführungssituationen an, um die engelsgleich unversehrt aus allen Fährnissen hervorgehende Emma, deren geheimnisvolle Herkunftshintergründe lange unaufgedeckt bleiben, als eine allen nur denkbaren Gefährdungen ausgesetzte Lichtgestalt erscheinen zu lassen. Alle Mätzchen und stilistischen Übertreibungen der Hintertreppenromane und Kolportageliteratur kommen hier in abermaliger Übertreibung verschwenderisch zur Anwendung. Das Buch endet für den Leser mit vielen offenen Fragen und ungelösten Rätseln. Es fehlt auch der gute und versöhnliche Ausgang, in dem die Bösen bestraft und die Guten ihren verdienten Lohn erhalten, vielmehr ist abzusehen, dass Emma und den anderen Figuren des Romans weitere bizarre Abenteuer bevorstehen. Das Gesinde-ThemaAuffällig oft werden in Emma die Themen „Gesinde“ und „Theater“ zumeist in enger Verbindung verwendet. Schon auf S. 4 liest man:
– [1] Im Vorwort schreibt Stinde, „dass die ersten Lieferungen von Emma anläßlich der glänzenden, als Demonstration gegen die Einführung des sogenannten Gesindeparagraphen in die Theatergesetze von den Bühnenangehörigen Berlins arrangierten Gesindebälle erschienen.“ Die fünf erhaltenen Kolportagehefte mit Emma-Texten sind speziell für diese Gesindebälle geschrieben und gedruckt worden. Im Jahre 1896 wurden die Hefte gegen eine Spende zugunsten von Wilhelm Raabe ausgegeben, wobei immerhin 400 Mark zusammengekommen sind. Die „sogenannten Gesindeparagraphen“, die den Anlass für die Gesindebälle und für Stindes Emma gegeben haben, finden sich in der 1. Extra-Beilage zum 15ten Stück des Amtsblatts der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin. Ausgegeben den 10ten April 1885 abgedruckt. Von diesen Bestimmungen waren nun freilich auch die Theateragenten, welche die Schauspieler an die Bühnen vermittelten, betroffen. Die Bühnenkünstler wurden als zu vermittelndes Gesinde eingestuft und sollten, wie die Hausmädchen, ein Gesindebuch führen. Erst nach Verlauf von zehn Jahren ist eine kleine, ganz unerhebliche Korrektur vorgenommen worden, die im Amtsblatt der Königlichen Regierung zu Potsdam und der Stadt Berlin, Stück 24, den 14. Juni 1895, abgedruckt ist, mit der diese für Schauspieler ehrenrührige Bestimmung aufgehoben wurde. Der Text des Romans enthält (über die ständigen Anspielungen auf den Gesinde-Status der Schauspieler hinaus) eine große Fülle von Zeitbezügen, von satirischen Seitenhieben auf Unangenehmes und Verspottenswertes in Politik, Gesellschaft und Kultur. Je weiter diese Tagesaktualitäten in die zeitliche Ferne rücken, umso weniger können diese Anspielungen noch wahrgenommen und verstanden werden. Emma wird nach Ablauf weiterer 100 Jahre nur noch mit Hilfe kommentierender Erläuterungen verständlich sein. Form und StilStinde hat die Kolportageliteratur seiner Zeit studiert und schon 1874 in der Hamburger Zeitung Reform einen Artikel über Schundliteratur mit dem Titel „Spieß und seine Gesellen“ veröffentlicht, in dem er vor den Geister- und Schauerromanen des Christian Heinrich Spieß warnt, jedoch in einem Tonfall, der den Spaß an der Befassung mit diesem Schrifttum ahnen lässt.[2] In seiner Rolle als Direktor einer „Dicht-Lehr-Anstalt für Erwachsene“, die er sich im Allgemeinen Deutschen Reimverein zugelegt hatte, publizierte er unter dem Pseudonym „Theophil Ballheim“ einen Lehrbrief zum Thema Der Sensationsroman, in dem er Rezepte für die Herstellung eines solchen Literaturproduktes gibt.
– [3] Eine Auswahl der Kapitelüberschriften vermittelt einen Eindruck von Stindes parodistischer Leistung in diesem Genre:
– [4] Auf den Umschlagseiten des dritten Koportageheftes gibt es einen Reklametext, der die Vorzüge des Romans im Stil der Kolportage anpreist:
– [5] Stellung im schriftstellerischen Werk StindesAls Parodist und Polemiker war Stinde auch schon anderweitig literarisch hervorgetreten. Dieses Genre macht einen erheblichen Teil seiner Produktion aus. Es beginnt in seiner Hamburger Zeit (1863–1875) mit der Wagner-Parodie Lohengrün oder Elsche von Veerlann (Text leider verschollen), von der Theodor Gaedertz einen anschaulichen Bericht geliefert hat[6], wird fortgesetzt in den Opfern der Wissenschaft, in denen bedenkliche Entwicklungen in den Naturwissenschaften aufs Korn genommen werden, und gipfelt in dem Familiendrama Das Torfmoor, in dem Stinde die Naturalisten und ihre Abhängigkeit von nordischen und nietzscheschen Einflüssen parodiert und verhöhnt. Stinde selbst schrieb in einem autobiographischen Text: „Offen zu bekennen, daß ich Emma besonders liebe, wage ich nicht, obgleich Väter von ungezogenen Kindern mich verstehen und entschuldigen würden, denn gerade die haben es in sich.“[7] Ausgaben
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Einzelnachweise
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